Erinnerungsort
Hinweis: Dieser Text spricht über sexualisierte Gewalt und anderes Leid, das Menschen in Einrichtungen der Kirche und der Caritas erfahren haben. Wenn das Lesen für Sie belastend ist, finden Sie am Ende dieser Seite Kontakte zu Ansprech- und Unterstützungsstellen.
Zwischen Kapelle und Hauptgebäude unseres Hauses ist im Frühjahr 2026 ein Ort entstanden, an dem wir innehalten. Er gilt Menschen, die in Einrichtungen der Kirche und der Caritas Leid erfahren haben. Er ist offen für alle, die ihn aufsuchen möchten - im Vorbeigehen, bei einer Pause, oder ganz bewusst.
Warum es diesen Ort gibt
Die EVV-Studie im Bistum Mainz (2023) und die Studie zur Aufarbeitung der Geschichte der Kinderkurheime in Allerheiligen (Schwarzwald) und Bad Nauheim in früherer Trägerschaft des Caritasverbandes für die Diözese Mainz (2024) haben sichtbar gemacht, was lange unaussprechlich blieb: Menschen, die bei uns - in Einrichtungen der Kirche und der Caritas - Schutz und Unterstützung gesucht haben, haben dort Leid erfahren. Kinder wurden misshandelt. Menschen wurden sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Verantwortliche haben weggesehen, geschwiegen, vertuscht.
Diese Geschichte gehört zu unserem Haus. Wir können sie nicht abgeben und auch nicht ungeschehen machen. Aber wir können uns ihr stellen. Dieser Ort ist ein Teil davon.
Der Weg hierher
Im Sommer 2024 haben wir die Mitarbeitenden unseres Verbandes anonym befragt, wie wir mit den Räumen und dem Gebäude umgehen sollen, die nach kirchlichen Verantwortungsträgern benannt waren - unter ihnen Bischof Stohr, Weihbischof Guballa und Kardinal Lehmann. Die EVV-Studie dokumentiert für sie schwere Versäumnisse im Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt. Die Rückmeldungen der Mitarbeitenden waren klar: Diese Namen sollten nicht länger an unseren Türen stehen. Aber wir wollten uns auch nicht einfach von ihnen abwenden. Umbenennen allein genügt nicht.
Im Herbst 2024 hat unser Haus eine Arbeitsgruppe Erinnerungskultur eingerichtet, die den weiteren Prozess getragen hat. Der Betroffenenbeirat des Bistums Mainz hat uns beraten. Mit der Bildhauerin Stefanie Theberath und der für die Außengestaltung verantwortlichen Architektin haben wir einen Ort entworfen, der genau dort liegt, wo viele von uns täglich vorbeigehen - nicht abgelegen, nicht monumental, sondern mitten im Alltag des Hauses.
Die Skulptur
Die Bronzeskulptur von Stefanie Theberath steht nicht hinter Glas. Sie ist mitten unter uns, auf Augenhöhe, ohne Abstand. Das ist kein gestalterischer Zufall. Betroffene sexualisierter Gewalt und anderer Gewalterfahrungen sind mitten unter uns - in unseren Teams, in unseren Einrichtungen, in unserer Nachbarschaft. Oft, ohne dass wir es wissen. Dieser Ort soll uns daran erinnern, dass es nicht genügt, Leid als etwas zu denken, das "anderen, woanders, früher" geschehen ist.
Die Inschrift (in Planung)
Eine geschwungene Sitzbank aus Beton umrahmt die Skulptur. In sie eingelassen sind Worte, die wir lange miteinander abgewogen haben:
Wir erinnern an Leid,
das Menschen in Kirche und Caritas erfahren haben.
Wir schauen hin.
Wir hören zu.
Wir handeln.
Die drei letzten Sätze beschreiben keinen erreichten Zustand. Sie verpflichten uns. Sie müssen sich in unserer Arbeit einlösen - in Prävention und Intervention, im Umgang mit Hinweisen und Verdachtsfällen, in der Art, wie wir Betroffenen zuhören und wie wir ihnen glauben. Das gilt für uns als Spitzenverband, für die Dienste und Einrichtungen in unserer Trägerschaft, für unsere Fach- und Beratungsstellen.
Hinweis zu Bischof Dr. Albert Stohr
Das Gebäude unseres Verbandes trug lange den Namen Bischof-Stohr-Haus. Dies haben wir nun geändert und das entsprechende Schild abgenommen.
Wer sich mit der Biografie Bischof Stohrs befassen möchte - mit seinem Handeln in der Zeit des Nationalsozialismus, in der Nachkriegszeit und im Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt -, findet [Link zur biografischen Darstellung, die im Rahmen der Erinnerungsarbeit für den Mainzer Dom erarbeitet wurde] eine ausführliche Aufarbeitung in deutscher, englischer und französischer Sprache. Ein QR-Code am Erinnerungsort führt ebenfalls dorthin.
Wenn Sie Unterstützung suchen
Wenn Sie selbst sexualisierte Gewalt oder anderes Unrecht in Einrichtungen der Kirche oder der Caritas erfahren haben - oder wenn Ihnen jemand davon berichtet hat -, können Sie sich an unabhängige Ansprech- und Unterstützungsstellen wenden:
Unabhängige Ansprechpersonen des Bistums Mainz
Betroffenenbeirat des Bistums Mainz
Hilfetelefon Sexueller Missbrauch - kostenfrei und anonym | Telefon: 0800 22 55 530
Unabhängige Beauftragte für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM)
Sie entscheiden, ob, wann und mit wem Sie sprechen möchten.
Mitgewirkt haben
An der Gestaltung dieses Ortes mitgewirkt haben die AG Erinnerungskultur des Caritasverbandes für die Diözese Mainz (unter Beratung des Betroffenenbeirates des Bistums Mainz), die Bildhauerin Stefanie Theberath, Holz & Ton. Die bauliche Umsetzung der Außengestaltung erfolgte in Zusammenarbeit mit der beauftragten Architektin Dagmar Leichtweiß, Team 4 Architektur + Städtebau